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Afro-Rhythmen im „Bebop“: Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Max Roach (9)


Quellenangaben und weitere Informationen in den Fußnoten!

Trompeter Dizzy Gillespie, Alt-Saxofonist Charlie Parker und Schlagzeuger Max Roach traten um 1945 auf Veranstaltungen zur Unterstützung von Studenten aus Afrika auf. Dabei spielten sie zu den Rhythmen afrikanischer und kubanischer Trommler– ohne weitere Instrumente. Sie entdeckten die tieferen Verbindungen zwischen afrikanischer, afro-kubanischer und ihrer eigenen afro-amerikanischen Musik, berichtete Dizzy Gillespie. Das war für sie eine wichtige Erfahrung – sowohl musikalisch als auch für ihr Selbstverständnis als Afro-Amerikaner.1)

Als Musiker einer rhythmisch starken Tradition fanden sie in den hochentwickelten Rhythmus-Kulturen Afrikas und Kubas faszinierende Anregungen. Außerdem widerlegten diese Kulturen die herrschende Meinung, Afro-Amerikaner würden von kulturlosen Völkern abstammen.

Zwei Jahre später, 1947, engagierte Dizzy Gillespie den afro-kubanischen Trommler Chano Pozo für seine Bigband und stellte ihn in Konzerten heraus. Chano Pozo spielte auf einer umgehängten Trommel, sang in einem anderen Rhythmus dazu und tanzte in noch einem weiteren Rhythmus– alles gleichzeitig, erzählte Dizzy Gillespie.2) Noch authentischer ist Chano Pozo in seinen eigenen Aufnahmen zu hören und in denen sind die afrikanischen Wurzeln seiner kubanischen Tradition offensichtlich.

          MUSIK: Chano Pozo y su Ritmo de Tambores: Ya No Se Puede Rumbear (1947)

Chano Pozo erklärte Dizzy Gillespie und seiner Band, wie die afro-kubanischen Rhythmen verzahnt werden. Er lieferte auch die Grundlage für das erfolgreiche Stück Manteca. Darin greifen die Blasinstrumente wie kubanische Trommel-Rhythmen ineinander.

          MUSIK: Dizzy Gillespie: Manteca (1947)

Dieser sehr rhythmischen Komposition mit kubanischem Charakter fügte Dizzy Gillespie einen zweiten Teil an – mit herkömmlichen Bigband-Sounds und Walking-Bass-Rhythmus.

          MUSIK: Dizzy Gillespie: Manteca (1947)

In diesem zweiten Teil ist der kubanische Charakter des Stücks verschwunden. Selbst Chano Pozo spielt hier angepasst an den Bigband-Rhythmus. Nur der Klang seiner Conga-Trommel erinnert noch an Kuba. Dieser zweite Teil dient dann auch als Basis für die Solo-Improvisationen.

          MUSIK: Dizzy Gillespie: Manteca (1947)

Der einfache, locker swingende Walking-Bass-Rhythmus verschmolz nicht mit den vergleichsweise steifen, ineinander verzahnten Rhythmen aus Kuba. Die beiden Rhythmuskonzepte – das afro-kubanische und das afro-amerikanische – ergaben einen ständigen Konflikt. Ein kubanischer Musiker mit viel Erfahrung in amerikanischer Bigband-Musik sagte: Nicht einmal Dizzy Gillespie konnte diesen Konflikt mit seinem Spiel überwinden. Nur Charlie Parker schaffte das. In folgender Aufnahme hört man Charlie Parker alleine mit kubanischen Trommlern spielen und dabei seine Saxofon-Linien perfekt mit den Trommel-Rhythmen verzahnen.3)

          MUSIK: Charlie Parker & Machito: Mango Mangue (1948)

Die Einbeziehung afro-kubanischer Rhythmen gelang also nur beschränkt. Ihr Einfluss bewirkte jedoch eine Weiterentwicklung der afro-amerikanischen Tradition selbst. Max Roach erklärte: Durch das Nachahmen der kubanischen Rhythmen auf dem Schlagzeug gelangte er zu einer größeren Unabhängigkeit der vier Gliedmaßen.4) Sein Spiel klang oft ausgesprochen funky – wie in folgendem Charlie-Parker-Stück, in dem er nach der Einleitung ein kurzes Solo spielte.

          MUSIK: Charlie Parker: Klact-oveeseds-tene (1947)

Der Saxofonist Steve Coleman sang dieses kurze Schlagzeug-Solo in einem Workshop verlangsamt nach, um zu zeigen, wie kunstvoll und funky es ist. Er bezeichnete Max Roach als eine Art König der Struktur.

          MUSIK: Steve Coleman: Workshop (2001, Montpellier)

In Charlie Parkers melodischem Spiel fand Steve Coleman viele rhythmische Strukturen, die west-afrikanischen Trommel-Rhythmen ähneln.5) Er sagte: Am meisten Komplexität entwickelte Charlie Parker in der rhythmisch-melodischen Gestaltung.6) Er bildete spontan Phrasen mit ungeheuerlicher Rhythmik und balancierte sie in seinen langen melodischen Sätzen so aus, dass sie völlig natürlich klingen. Wie eine Katze landete er stets sicher auf den Füßen.7)

In afro-amerikanischen Communitys wird seit jeher großer Wert auf Rhythmus gelegt – nicht nur in der Musik, zum Beispiel auch in der Art zu sprechen. Charlie Parkers Spiel hat starken Sprach-Charakter. Seine Komposition Perhaps verstand Steve Coleman, der aus einer solchen Community stammt, schon in jungen Jahren intuitiv als Diskussion. Tatsächlich ist klar erkennbar, dass Charlie Parker hier auf dem Saxofon mehrmals das Wort „perhaps“ spielt, als würde er mit jemandem diskutieren.8)

MUSIK: Charlie Parker: Perhaps (1948, Take 1)

Auch das anschließende Solo von Charlie Parker klingt wie ein melodiöser Redefluss mit zurückgelehntem, afro-amerikanischem Akzent. Seine kraftvollen, sprechenden Melodien und raffinierten rhythmischen Bewegungen sind faszinierend.

          MUSIK: Charlie Parker: Perhaps (1948, Take 1)

Die sprechende, rhythmische Art Melodielinien zu bilden hat Charlie Parker nicht erfunden. In dieser Art spielten bereits seine Vorgänger, aber er brachte diese Kunst zu einer großartigen Blüte. Heute wird oft seine bedeutendste Innovation in der fortgeschrittenen Harmonik gesehen. Doch die war bei früheren Meistern wie Art Tatum und Don Byas nicht weniger entwickelt. Zwar sind Charlie Parkers melodische Linien mitunter harmonisch schwer zu deuten, doch das ergibt sich aus der theoretischen Perspektive. Charlie Parker war nicht so sehr Theoretiker9) – aber sehr intelligent. Er entwickelte eine außerordentliche Fähigkeit, Musik als Klang, Bewegung und unmittelbaren Ausdruck blitzschnell zu erfassen und zu gestalten.10) In seinem Spiel wurde die ausdrucksstarke Blues-Tradition zur großen, hippen Kunst.11)

          MUSIK: Charlie Parker: Confirmation (1947)

 

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