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Charlie Parker spielte keinen Bebop, Thelonious Monk auch nicht (10)


Quellenangaben und weitere Informationen in den Fußnoten!

          MUSIK: Louis Armstrong and His Hot Five: West End Blues (1928)

Diese berühmte Einleitung von Louis Armstrong aus dem Jahr 1928 gab Charlie Parker in folgendem Solo auf dem Alt-Saxofon wieder. Er fügte oft solche Zitate anderer Musik völlig organisch in sein Spiel ein.

          MUSIK: Charlie Parker: Cheryl (1949, Carnegie Hall)

Charlie Parker kam aus einer reichen Tradition, verarbeitete kreativ und kunstvoll zahlreiche Einflüsse.1) Sich dieser Verbindungen bewusst zu sein, ist für das Verständnis wichtig. Es zerreißt die Zusammenhänge, wenn man ihn der Stil-Kategorie Bebop zuordnet und seine Vorgänger dem so genannten Swing, wie es heute üblich ist.

In einer Aufnahme hört man Charlie Parker im Vergleich mit zwei älteren, angesehenen Alt-Saxofonisten. Er klingt fortgeschritten, aber nicht grundlegend anders. Eine Zuordnung zu verschiedenen Arten von Jazz ist nicht gerechtfertigt.

In dieser Aufnahme hören wir nun zunächst den Übergang von Johnny Hodges‘ zu Charlie Parkers Solo.

          MUSIK: Organisierte Jam-Session: Funky Blues (1952)

Und jetzt der Wechsel von Charlie Parker zu Benny Carter.

          MUSIK: Organisierte Jam-Session: Funky Blues (1952)

Wer Benny Goodman als „King of Swing“ betrachtete und seinen Swing als modernen Jazz schlechthin, nahm Charlie Parkers Musik zwangsläufig als radikal neue Art von Jazz war. Musiker wie Charlie Parker und Thelonious Monk gehörten einer anderen, Swing-Fans fremden Kultur an. Ihre Vorgänger – etwa Art Tatum und Don Byas – klangen genauso wenig wie Benny Goodman, passten ebenfalls nicht in seine Stil-Kategorie, sondern bildeten die Linie, die zu Charlie Parker und Thelonious Monk führte.

          MUSIK: Art Tatum: Yesterdays (1949)

Außerdem spielten die zum Bebop gezählten Musiker keineswegs einheitlich.2) Charlie Parker und Thelonious Monk hatten sehr unterschiedliche Zugänge und selbst der von Thelonious Monk beeinflusste Pianist Bud Powell unterschied sich von ihm deutlich.

          MUSIK: Bud Powell: Tempus Fugit (1949)

          MUSIK: Thelonious Monk: In Walked Bud (1947)

Bebop gilt als erster „moderner“ Jazz-Stil, weil er sich von kommerzieller Tanz- und Unterhaltungsmusik abwandte und erstmals einen Kunstanspruch erhob. Das ist in mehrfacher Hinsicht falsch.

Wie ihre Vorgänger mussten auch Charlie Parker und Dizzy Gillespie mit ihrer Musik Geld verdienen3) und sie gingen später erhebliche musikalische Kompromisse ein, als es das Geschäft erforderte.

Dizzy Gillespie entgegnete der Kritik, zu seiner Bigband-Musik könne man nicht tanzen, er kann es sehr wohl, und tanzte auf der Bühne vor seiner Band.4) Der Bewegungs-Impuls, der zumindest eine Art inneren Tanz auslöst, ist eine wesentliche Qualität dieser Musik.5) In afro-amerikanischen, afro-kubanischen und afrikanischen Traditionen stand Tanzbewegung in keinem Widerspruch zu Ernsthaftigkeit und kunstvoller Gestaltung.

Schon lange vor dem Bebop verstand sich Duke Ellington als ernsthafter Künstler. Auch Meister wie Art Tatum und Coleman Hawkins schufen Musik zum konzentrierten Zuhören. Bereits als Louis Armstrong in einem zwielichtigen Nachtklub der 1920er Jahre ein spektakuläres Trompetensolo darbot, war das genauso eine Kunstvorführung wie ein Violinkonzert in einem klassischen Kulturtempel.

          MUSIK: Louis Armstrong and His Savoy Ballroom Five: Tight Like This (1928)

Die vielfältige afro-amerikanische Tradition wechselte also nicht Anfang der 1940er Jahre von einem Jazz-Stil – Swing genannt – zu einem neuen – Bebop. Genauso wenig wurde die als Bebop bezeichnete Musik am Ende des Jahrzehnts von einem weiteren Jazz-Stil abgelöst, wie es in Jazz-Büchern dargestellt wird. Vielmehr setzte sich diese vitale, kreative Tradition bruchlos fort.

          MUSIK: Thelonious Monk: Bye-Ya (1957, mit John Coltrane)

Die von Jazz-Kritikern konstruierten Stil-Einteilungen verursachen noch weitere Missverständnisse:

Der Saxofonist Bunky Green erzählte: Als Jugendlicher stellte er fest, dass er ein gutes Ohr für Charlie Parkers Spiel hat. Durch Schallplatten-Abhören lernte er, alle Soli Charlie Parkers nachzuspielen. Aber dann wurde ihm bewusst: Wenn er wie Charlie Parker sein will, darf er gerade nicht wie er klingen, denn Charlie Parker war ein Rebell.6)

Wer in einer Jazz-Schule Bebop spielen lernt, macht etwas ganz anderes als Charlie Parker und kommt damit seinem Geist in keiner Weise nahe. Charlie Parker spielte keinen Bebop, sondern seine eigene Musik. Bebop ist eine schulisch formalisierte, verfälschende Nachahmung, wie sich aus Erläuterungen des Saxofonisten Steve Coleman ergibt – eines tiefgehenden Kenners der Charlie-Parker-Musik.7)

Die Nachahmung drückt etwas völlig anderes aus als das kreative Original, trotz einer oberflächlichen Ähnlichkeit, und täuscht Hörer. Wahrhaftigkeit und das Erzählen einer eigenen Geschichte haben in der afro-amerikanischen Tradition der Meister einen hohen Stellenwert.

          MUSIK: Charlie Parker: Celebrity (1950)

Am ehesten sinnvoll ist der Begriff Bebop, wenn man darunter keinen Stil versteht, sondern die damalige Bewegung junger Musiker – ihr Streben nach musikalischer Erweiterung und ihre Initiativen. Allerdings empfinden afro-amerikanische Musiker die Bezeichnung Bebop oft als ärgerlich, lächerlich, vom „weißen“ Musikgeschäft aufgezwungen. Wer diese Musik wirklich schätzt, hört sie jedenfalls nicht als Jazz-Stil, sondern als leuchtenden Ausdruck einer sehr lebendigen, schöpferischen, kunstvollen Subkultur.

          MUSIK: Charlie Parker: Ornithology (1950)

Duke Ellington sagte zu Dizzy Gillespie, er hätte nie zulassen dürfen, dass seiner Musik ein Etikett wie Bebop aufgedrückt wird. Später gab ihm Dizzy Gillespie Recht, aber damals genoss er einfach zu sehr den Erfolg.8) Während er mit Späßen, stylischem Outfit und Show-Einlagen im Bebop-Rummel kräftig mitmischte, lehnte das Charlie Parker stets entschieden ab.9)

Rückblickend erwähnte Dizzy Gillespie einmal: Charlie Parker konnte tiefe, tieeefe Töne spielen, die einem durch und durch gingen.10)

          MUSIK: Charlie Parker: Bird Of Paradise (1949, Carnegie Hall)

 

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Fußnoten können direkt im Artikel angeklickt werden.

  1. Steve Coleman: Charlie Parker hatte einige ältere Elemente in seinem Spiel, die man mit dem modernen Ohr vielleicht als Bebop wahrnimmt. Aber es waren Elemente, die von älteren Musikern stammten. Bestimmte Dinge stammten von Don Byas, bestimmte Dinge von diesem Musiker, Buster Smith. Man nannte ihn Professor Smith aus Kansas City. Es gibt bestimmte Elemente, die von Chu Berry, von Lester Young und einigen anderen Musikern stammten, die damals dabei waren. Wenn man diese Musiker nicht kennt, dann hört man das auch nicht heraus. Man sagt einfach, es sei Parkers Musik. Aber es ist nicht nur Parker. Das gleiche Phänomen gibt es bei John Coltrane. Viele Dinge, die Coltrane machte, stammen von Musikern vor ihm. (Quelle: Von Steve Coleman am 26. August 2020 geführter Conference Call mit Premium-Mitgliedern seiner Internet-Plattform M-Base Ways)
  2. Steve Coleman: Er verwende den Begriff „Bebop“ nicht gern, denn Parker, Gillespie und Monk spielten alle nach unterschiedlichen Konzepten, vor allem Monk. Gerade Monk spielte nicht so wie Parker und Gillespie, weißt du. Was er spielte, passte zwar zu dem, was Parker und Gillespie machten. Aber er kam aus einer anderen Richtung. Kenny Clarke, Monk, Parker, Gillespie, das werde alles oft zusammengefügt und Bebop genannt, weil es so an den Schulen gelehrt wird. … Was Gillespie von Bird übernommen hat, war der rhythmische Aspekt. Melodisch und harmonisch spielt er nicht wirklich wie Parker. Gillespie kannte sich in der Harmonielehre besser aus als Parker, studierte tatsächlich Harmonielehre, während Parker da so seinen eigenen Kram hatte. Aber unterm Strich sagte Gillespie, dass er das Rhythmische von Parker übernommen hat. (Quelle: Von Steve Coleman am 26. August 2020 geführter Conference Call mit Premium-Mitgliedern seiner Internet-Plattform M-Base Ways)
  3. Quelle: Jan Bäumer, The Sound of a City? New York und Bebop 1941-1949, 2014, Kindle-Version, S. 172f., 334
  4. zu sehen im Film Jivin’ in Be-Bop (produziert 1946)
  5. Mehr dazu: Link
  6. Mehr dazu: Link
  7. Steve Coleman: Wenn er Leuten Unterricht gibt, verfolge er im Grunde denselben Ansatz wie seine früheren Lehrer. Er fange mit grundlegenden Dingen an und sie sagen dann: „Na ja, das ist doch nur Bebop“. Sie kennen diese Bezeichnungen. „Das ist doch nur Bebop. Das kenne ich schon.“ Er sage dann: „Na ja, ihr kennt es nicht so, wie ich es euch zeigen will.“ „Ach, das kenne ich schon. Das ist doch nur Bebop. Das interessiert mich nicht.“ Manche sagten: „Ja, dieses Charlie-Parker-Zeug, das kennen wir doch schon alles. Wir haben das Omni-Book.“ Und er dachte sich: Diese Leute hören das Ganze einfach auf einer ganz anderen Ebene und merken es gar nicht. (Quelle: Steve Colemans Internetseite M-Base Ways, Blog/M-Blog Episode 6: Early Coleman, Part III, Audio ab 10:02 Minuten, veröffentlicht 2014/2015, Internet-Adresse: http://M-Base.net) --- Siehe auch folgende Stelle in Steve Colemans Artikel über Charlie Parker: Link
  8. Quelle: Dizzy Gillespie/Al Fraser, To Be Or Not To Bop, englischsprachige Ausgabe, 2009/1979, S. 344
  9. Peter Niklas Wilson/Ulfert Goeman: Charlie Parker habe „die Rolle des Entertainers oder auch nur die des Moderators“ gehasst und „sie, wenn er sie in seiner Eigenschaft als Bandleader erfüllen musste, mit unverhohlenem Sarkasmus“ gespielt. Charlie Parker habe Dizzy Gillespie seine „Kostümierungen“ und „clownesken Bühneneinlagen“ „außerordentlich übel“ genommen und die „außermusikalischen Auswüchse des publizistischen Bebop-Rummels verabscheut“. (QUELLE: Peter Niklas Wilson/Ulfert Goeman, Charlie Parker. Sein Leben. Seine Musik. Seine Schallplatten, 1988, S. 50f.)
  10. Mehr dazu: Link

 

 

 

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